Hamburg ist immer eine Reise wert!

Düsseldorfer erkundeten die Hansestadt, um erfolgreichesCitymanagement und funktionierende BIDs kennenzulernen.

Wenn Engel reisen …

…steht die Tour zumeist unter einem guten Stern. Und das gilt auch in diesem Fall: Der IC ist mit knapp 15-minütiger Verspätung nahezu pünktlich, die Wetteraussichten heiter und die Stimmung gut. Die Fahrt wird nicht nur intensiv genutzt, um Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen, sondern auch um Erfahrungen auszutauschen und Erwartungen an die Exkursion zu artikulieren. „Die Themen Stadtentwicklung und Citymanagement sind hoch spannend, vor allem unter dem Aspekt, wie man das quartiersübergreifend umsetzen kann“, erklärt Frank Hermsen. Und Frank Rehme ergänzt: „Rund 20 Prozent der Mitglieder unserer Werbegemeinschaften sind wirklich aktiv. Hier würde ich mir noch mehr Solidarität wünschen, etwa im Sinne von: ‚Wer siegen will, muss andere auch mal gewinnen lassen‘“. Einig sind sich beide Herren, dass Düsseldorf bereits vieles im Stadtmanagement richtiggemacht habe. Die Altstadt habe kein Sicherheits- und Sauberkeitsproblem und sei eine der „Top-Attraktionen im Umkreis von 200 Kilometern“, ferner könne die Stadt mit Geschäftsbesatz, Kultur, (Außen-)Gastronomie, der Rheinuferpromenade, Begrünung, dem „blau-grünen Band“ etc. punkten. „Was mich stört, ist, dass Düsseldorf zu häufig versucht, auf Erlebnisort, sprich: ‚Disneyland‘ zu machen, aber im Stadtbild kaum Gespür für sein Erbe erkennen lässt“, bemängelt Rehme.

Donnerstag, 14. Februar 2019, Düsseldorf-Hauptbahnhof, 8.10 Uhr: Nach und nach finden sich auf Einladung der IHK Düsseldorf die Reiseteilnehmer auf Gleis 18 ein: Dr. Peter Achten, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen, Frank Hermsen, Geschäftsführer der Altstadt Marketing GmbH und Vorstandsvorsitzender des Forums Stadtmarketing, Daniel Klages, Geschäftsführer der Licht im Raum Dinnebier GmbH und stellvertretender Vorsitzender der ISG Graf-Adolf-Straße, Frank Rehme, Partner der gmvteam GmbH und Uwe-Jens Ruhnau, Leitender Regionalredakteur und Leiter der Lokalredaktion Düsseldorf der Rheinischen Post. In Hamburg stoßen später noch Marcel Abel, geschäftsführender Direktor der Jones Lang LaSalle SE, Lars Sammann, Centermanager des Sevens an der Königsallee (CBRE Preuss Valteq GmbH), und Joachim H. Faust, geschäftsführender Gesellschafter der HPP Architekten GmbH, dazu. „Reiseleiter“ und IHK-Geschäftsführer Dr. Ulrich Biedendorf freut sich über die bunt gemischte Truppe: „Hier kann man wirklich sagen‚ die Mischung macht’s‘. Denn an Bord sind Händler ebenso wie Stadtplaner, Immobilienentwickler, Center-Manager, Interessenvertreter und Querdenker – kurzum alle, die sich für Stadtentwicklung interessieren und dabei ein Wort mitreden sollten.“

Hamburg, wir kommen!

Donnerstag, 14. Februar, 12 Uhr: Wir nähern uns unserem Ziel, überqueren die Süderelbe, genießen bei strahlendem Sonnenschein einen Blick auf den Hafen, Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie, und auf die Hafencity mit dem gläsernen Verlagshaus des „Spiegels“ auf der Ericusspitze. Pünktlich um 12.13 fahren wir in den Hauptbahnhof ein, checken im Quickstep in unserem Hotel ein, wo uns um 13 Uhr Heiner Schote, stellvertretender Geschäftsführer Handel der Handelskammer Hamburg, zum Innenstadtrundgang abholt.

BIDs: Hilfe zur Selbsthilfe

Wir starten am Glockengießerwall, der seinen Namen einerseits der hamburgischen Geschütz- und Glockengießerei verdankt, die dort bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Sitz hatte, und andererseits auf die ehemaligen Hamburger Wallanlagen verweist. Von dort erreichen wir die 1910 erbaute Mönckebergstraße, in der 2017 ein Business Improvement District (BID) gemäß dem Hamburger „Gesetz zur Stärkung der Einzelhandels- und Dienstleistungszentren“ (GSED) eingerichtet wurde. Unter BIDs versteht man klar begrenzte Einzelhandelsbereiche, die von den Eigentümern und Gewerbetreibenden in einem festgelegten Zeitraum (maximal fünf Jahre) in Eigenregie aufgewertet werden. Finanziert werden BIDs durch eine Abgabe, die alle im Gebiet ansässigen Eigentümer zu leisten haben. BIDs entstehen, wenn mindestens 15 Prozent der ansässigen Eigentümer und Einzelhändler diese beantragen und ein Maßnahmenund Finanzierungskonzept dafür vorlegen. Widersprechen weniger als ein Drittel der betroffenen Eigentümer während der anschließenden öffentlichen Auslegung, wird das BID durch Rechtsverordnung eingerichtet. Zum Aufgabenträger für dieses jüngste Hamburger BID haben die Eigentümer und Händler die Firma Otto Wulff Bauunternehmung GmbH & Co. KG erkoren, die für das äußerst professionelle Management des Einkaufsquartiers die Tochtergesellschaft Otto Wulff BID GmbH gegründet haben. Diese kümmert sich aktuell um die flächendeckende W-Lan-Versorgung des Quartiers, da die Stromnetz Hamburg GmbH die Stromleitungen zurzeit erneuert. Heiner Schote erklärt weiter, dass das BID Mönckebergstraße aktuell fünf Millionen Euro in seine ganzjährige und in die Winterbeleuchtung investiert, die erstmals im Herbst 2019 installiert werden soll. Noch nicht zufriedenstellend sei hingegen die Verkehrssituation: Zulässig seien ganztägig Busse und Taxen sowie der Lieferverkehr bis 11 Uhr. Der Individualverkehr sei eigentlich verboten, da aber nicht kontrolliert werde, halte sich kaum jemand daran. Das BID überlege daher, ob der Verkehr komplett in die parallel verlaufende Steinstraße verlegt werden könne. Eine weitere ernst zu nehmende Herausforderung – so Schote – stelle mit 68.000 Quadratmetern genehmigter Verkaufsfläche das im Bau befindliche multifunktionale Übersee-Quartier in der Hafencity dar, dessen südlicher Teil bereits 2022 fertiggestellt sein solle.

Gerhard-Hauptmann-Platz und Neuer Wall

Unser Weg führt uns weiter über den in den 1970er Jahren errichteten Gerhard-Hauptmann-Platz mit dem Thalia-Theater. In der nahe gelegenen Kirche St. Jacobi ist auf Initiative des damaligen Hauptgeschäftsführers der Handelskammer Hamburg, Professor Dr. Jörg Schmidt-Trenz, und Hauptpastor Dr. Lutz Mohaupt ein Runder Tisch für Obdachlose, deren Zahl sich in den letzten
zehn Jahren in der Hansestadt nahezu verdoppelt hat, eingerichtet worden. An diesem beteiligen sich Kirche, Polizei, Kaufleute und soziale Einrichtungen. Ziel ist es, den Obdachlosen einen zentralen Stützpunkt mit Schlaf- und Waschgelegenheiten sowie ärztlicher und psychologischer Hilfe anzubieten. Hamburgs erstes „Schaufenster“, der Neue Wall (vergleichbar mit der Königsallee), ist in Sachen BID längst ein „alter Hase“: 2015 ging das BID – immer befristet auf fünf Jahre – bereits in die zweite Verlängerung. 52 Grundstückseigentümer und 93 Einzelhändler haben von 2005 bis einschließlich 2015 über 13 Millionen Euro an privaten Mitteln in die Aufwertung ihres Quartiers investiert, etwa in den Austausch und die Pflege der kompletten Bodenbeläge, in die Straßenmöblierung, in die Bepflanzung der Blumenkübel und, und, und. Natürlich wird auch am Neuen Wall versucht, die schmucken Bolliden nicht nur vorzuführen, sondern gern auch „nur mal kurz“ auf den breiten Trottoirs abzustellen. Allerdings sorgt hier der vom BID bestellte Ordnungsdienst in gelben Wesen höflich, aber bestimmt dafür, dass stolze Autobesitzer_innen sich schnell eines anderen besinnen. Last but not least hat das BID mit UPS ein Agreement getroffen, dass gekaufte beziehungsweise gelieferte Ware morgens und abends in ein nahegelegenes Terminal gebracht beziehungsweise von dort abgeholt und auch zugestellt wird. Der Rundgang endet vor dem imposanten, von 1886 bis 1897 erbauten Hamburger Rathaus, Sitz des Senates und der Bürgerschaft. Und auf seiner Rückseite  residiert – kaum weniger beeindruckend – die Handelskammer, in die wir uns nun begeben.

Citymanagement made in Hamburg

Donnerstag, 14. Februar 2019, 15 Uhr: In der Handelskammer empfängt uns City-Managerin Brigitte Engler, die seit gut zwölf Jahren dafür sorgt, dass in der Hamburger Innenstadt „fix was los ist“. Gegründet wurde das City-Management 1999, als in der Innenstadt der Frequenzrückgang spürbar wurde, während die Quartiere in den Bezirken erstarkten. Im City-Management zusammengeschlossen haben sich bis heute 850 Mitglieder, darunter BIDs, Werbegemeinschaften, Verbände, Vereine, Institutionen und einzelne Unternehmen, die die Finanzierung des City-Managements in Höhe von zurzeit 350.000 Euro p.a. aus eigenen Mitteln aufbringen. Für besondere Projekte werden darüber hinaus Sponsorengelder eingeworben. Ziel des City-Managements ist die Steigerung der Attraktivität, der Aufenthaltsqualität und -dauer sowie die Optimierung der Besucherfrequenzen in der Innenstadt. Wichtig für das Gelingen des City-Managements, so Engler, sei eine sehr gute Vernetzung in der Stadt sowie der direkte Draht zur Stadtregierung. Umgekehrt sei das City-Management in Hamburg politisch anerkannt und habe einen hohen Stellenwert. Englers Ziel sei es, in der Innenstadt einen „Klangteppich aus Programm“ auszubreiten. Highlights der letzten Jahre waren zum Beispiel die „Hamburger Märchenschiffe“ auf der Binnenalster oder die Weihnachtsparade in der Mönckebergstraße. Die BIDs in der Innenstadt seien für das City-Management von enormer Bedeutung, da sie auf wirklich hohem Niveau planten und nicht nur für sich selbst, sondern auch in das „Drumherum“ investierten. „Ohne das Kapital der Eigentümer würde sich all das nicht realisieren lassen“, so Engler. Und Heiner Schote ergänzt: „Hamburg war nie Residenzstadt. Das bürgerschaftliche Engagement wird vor Ort gelebt und traditionell großgeschrieben“. In der Veranstaltung „Der Weg zum digitalen Quartier“ erfahren wir Wissenswertes über die digitale Ertüchtigung zweier weiterer Hamburger BIDs, den Tibarg und Wandsbek, den mit rund 400.000 Einwohnern (!) größten – inzwischen aber abgewickelten - der Hamburger Business Improvement Districts. Unsere Düsseldorfer „Expedition“ bedankt sich mit einem Vortrag von Frank Rehme über die „Future City Langenfeld“ (vgl. hierzu auch IM 08/2017).

Brainstorming

Donnerstag, 14. Februar, 19 Uhr: Wir sitzen zusammen, und die Gedanken fliegen. Frisch sind die mannigfachen Eindrücke und das Kopfkino beginnt. Was nehmen wir mit, was davon könnte Blaupause für Düsseldorf sein? Während Dr. Achten und Frank Hermsen darüber fachsimpeln, ob eine bessere und quartiersübergreifende Zusammenarbeit, etwa bei der Vision vom „Rheinboulevard“, freiwillig organisiert werden könnte, haben Daniel Klages, Frank Rehme und die IHK-Vertreter bereits „Blut geleckt“: BID heißt das Zauberwort, das von Mund zu Mund geht und für das die Diskutanten zwei Quartiere in den Fokus nehmen: Den Medienhafen und die bereits bestehende Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) an der Graf-Adolf-Straße – ISGs sind das nordrhein-westfälische Pendant der Hamburger BIDs. Schwer beeindruckt ist die gesamte Gruppe vom Vortrag von und der Diskussion mit City-Managerin Brigitte Engler – einfach toll, was sich über die gebündelte Privatinitiative in der City bewegen lässt!

St. Georg und Steindamm

Freitag, 15. Februar 2019, 9.30 Uhr. Haben wir am Vortag Hamburgs „gute Stuben“ besucht, so wenden wir uns heute dem Quartier St. Georg zu. „Wenn es eine Welt gäbe, in der verschiedene Kulturen, Religionen, Sexualitäten und Lebensentwürfe friedlich zusammenleben, dann würde sie St. Georg heißen. Bunt macht den Stadtteil seine Diversität, die vom ständigen Trubel rund um
den zentralen Verkehrsknotenpunkt Hauptbahnhof, über den Steindamm mit seinem alt-kreuzberger Chic, das homosexuell geprägte Viertel rund um die Lange Reihe, bis zu den gediegenen und teuren Adressen an der Außenalster alle Facetten zeigt“, wirbt die Hansestadt auf ihrem Internet-Portal dafür. Unser sachkundiger Führer ist Wolfgang Schüler, Quartiersmanager in der
Interessengemeinschaft Steindamm, der eindrucksvoll die wechselvolle Geschichte des Quartiers Revue passieren lässt und erklärt, wie St. Georg nach und nach Prostitution und Drogenszene zurückdrängte und damit sein Schmuddel-Image verlor. Wie über das Multikulti-Engagement die Leerstände verschwanden und warum Händler, Eigentümer und Bewohner heute stolz auf
ihr Quartier sind. Zum Beweis schauen wir im Aladin-Center von Geschäftsführer Aziz Bayanbas vorbei, seit fast 40 Jahren in St. Pauli und seit 20 Jahren mit seinem Unternehmen am Steindamm ansässig. Seine Kundschaft kommt ursprünglich aus dem Iran, der Türkei, Gesamt-Afrika und dem Vorderen Orient. Die harmonische Koexistenz funktioniert bei ihm über „vertrauensbildende Maßnahmen am Verkaufstresen“.

Hafencity und Bonprix

Freitag, 15. Februar, 10.45 Uhr. Schwere Entscheidung: Nutzen wir die restliche Zeit für eine Kurzbesichtigung von Hafencity und Elbphilharmonie oder schauen wir uns noch ein ganz innovatives Shop-Konzept an? Die Gruppe teilt sich, Frank Rehme, Lars Sammann, Dr. Biedendorf und Sven Schulte machen sich erneut in die Mönckebergstraße auf, wo Daniel Füchtenschnieder, Managing
Director der Bonprix Retail GmbH, sein erst am Vortag eröffnetes Shop-Konzept präsentiert. Dieses besteht – vereinfacht ausgedrückt – darin, dass man sich zunächst eine App herunterlädt, über die man beim Betreten des Shops an einer Stele eincheckt. Der Shop wirkt freundlich, wohltuend aufgeräumt und kommt ganz ohne Beschallung aus. Nur wenige Kleidungsstücke hängen aus. Das ist gewollt, denn bei Interesse scannt der Kunde den Artikel in der passenden Größe und nach dem Click & Collect-Prinzip wird ihm das Gewünschte – ganz analog – in die geräumige und angenehm beleuchtete Umkleidekabine gebracht. Bei der Anprobe lassen sich noch schnell Fotos machen, um sich digital Feedback einzufangen, ob die neue Garderobe denn auch gefällt. Bei positiver Bewertung wird anschließend mit Karte oder Mobil-Telefon bezahlt. „Das hier ist ein Pilotprojekt, passend zum Age of Assistance. Wir wollen ein ganz neues Einkaufserlebnis bieten, nehmen unsere Kunden kontinuierlich mit und verbessern das Konzept ebenso kontinuierlich, denn dieses ist radikal lernfähig und digital“, erklärt Füchtenschnieder. Daumen hoch gibt es dafür von Frank Rehme: „Der Store ist für alle, die sich für Retail Innovation interessieren, eine klare Empfehlung“.

Zurück nach Düsseldorf

Freitag, 15. Februar 2019, 12.49 Uhr: Wir haben Glück und treten die Rückfahrt nach Düsseldorf pünktlich an. Einig sind sich alle, dass sich diese Exkursion mehr als gelohnt hat. Nun gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umzusetzen, aber das sollte - mit Goethe zum Geleit - schon klappen: „Die Hauptsache ist, dass man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit
besitze, es auszuführen; alles Übrige ist gleichgültig“.

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